04.04.2018

von B° RB

Interview

Gerda Hasselfeldt in der Berliner Zeitung. DRK-Präsidentin Hasselfeldt: "Wir sind kein Volk von Egoisten"

Rotes Kreuz

Mit dem Journalisten Timot Szent-Ivanyi sprach die DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt über die große Hilfsbereitschaft der Deutschen sowie auch über die Themen Blutspende und das Vorbereitetsein auf Cyberangriffe. Das Interview erschien in der Osterausgabe der Berliner Zeitung wie auch der Frankfurter Rundschau (jeweils am 31. März 2018). 

Frage: Frau Hasselfeldt, Ostern ist eine gute Gelegenheit, um über Aufopferung zu sprechen, über das Ehrenamt und die Spendenbereitschaft. Es wird ja oft behauptet, dass unsere Gesellschaft immer verantwortungsloser und egoistischer wird. Wie erleben Sie die Situation beim Roten Kreuz?

Gerda Hasselfeldt: Es gibt eine erfreuliche Entwicklung. Die Zahl der ehrenamtlichen Helfer ist beim Roten Kreuz gestiegen, von 395.000 im Jahr 2010 auf jetzt fast 415.000. Wir beobachten allerdings, dass sich die Menschen zunehmend anders engagieren als in der Vergangenheit. Sie wollen sich nicht langfristig durch eine Mitgliedschaft binden, sondern melden sich häufig spontan und helfen für eine begrenze Zeit bei einem bestimmten Projekt. Das war insbesondere in der Flüchtlingskrise zu bemerken.

Frage: Der Anstieg der Helferzahlen dürfte doch bestimmt mit der Bewältigung dieser Herausforderung zusammenhängen? 

Hasselfeldt: Ja, das hat bestimmt Einfluss gehabt. Klar ist aber auch, dass schon allein wegen der demografischen Entwicklung das Wachstum so nicht weitergehen wird. Ein weiterer Grund ist die zunehmende Berufstätigkeit von Frauen. Sie stellen bisher noch immer die größte Gruppe der Ehrenamtlichen. Wichtig ist deshalb, auch andere Bevölkerungsgruppen zu begeistern. 

Frage: An wen denken Sie?

Hasselfeldt: Es muss immer wieder darum gehen, die Jugend zu begeistern. Wer einmal erlebt hat, dass man beim Helfen Zufriedenheit erlebt und Dankbarkeit, wird sich später immer wieder engagieren. Wir haben aber auch die rüstigen Älteren im Blick, die häufig noch sehr rüstig sind. Auch bei Menschen mit Migrationshintergrund sehe ich großes Potenzial. Wir brauchen sie, insbesondere bei der Integration von Flüchtlingen.

Frage: Wie schafft man es, heute noch Jugendliche für ein Ehrenamt zu gewinnen?

Hasselfeldt: Dazu bedarf es gar nicht so viel. Denn die jungen Menschen wollen sich einbringen, der Wille ist da. Beim Freiwilligen Sozialen Jahr und beim Bundesfreiwilligendienst gibt es insgesamt viel mehr Bewerber als Stellen. Das Deutsche Rote Kreuz ist hier bundesweit der größte Anbieter. Bei uns übersteigt die Nachfrage von Bewerbern unsere Angebote um mehr als das Doppelte. Deshalb appelliere ich dringend an die zuständige Familienministerin Franziska Giffey, mehr Stellen für beide Programme zu schaffen und die notwendige Bundesförderung zu erhöhen. Das ist für die Gesellschaft sehr gut angelegtes Geld.

Frage: Sollte der Staat das Ehrenamt nicht generell stärker finanziell fördern?

Hasselfeldt: Geld ist gar nicht die Hauptsache. Es geht um die Anerkennung, die sich viele Ehrenamtliche wünschen und die oft deutlicher gezeigt werden sollte. Das betrifft insbesondere die staatlichen Institutionen, die ja schließlich durch die freiwillige Arbeit erheblich entlastet werden. In vielen Kommunen und Ländern gibt es bereits sogenannte Ehrenamtskarten, die freien Eintritt in Museen oder Veranstaltungen gewähren. Wir setzen uns dafür ein, so etwas bundesweit einzuführen. Wir dürfen freiwillige Arbeit nie als Selbstverständlichkeit sehen, denn sie ist nicht selbstverständlich. 

Frage: Wie sieht es mit der Spendenbereitschaft aus?

Hasselfeldt: Die endgültigen Zahlen für 2017 liegen noch nicht vor, aber es werden wohl etwas mehr als die 34 Millionen Euro des Vorjahres sein. Das ist deshalb bemerkenswert, weil es im vergangenen Jahr nicht viele große Naturkatastrophen gab. Denn nach solchen Ereignissen, die in den Medien dann auch große Aufmerksamkeit erzeugen, steigen die Spenden in der Regel. Grundsätzlich bemerken wir, dass die Menschen öfter als früher ganz gezielt für einen bestimmten Zweck spenden. Hier gibt es also eine gewisse Parallele zum Ehrenamt.

Frage: Wenn man Ihnen zuhört hat man den Eindruck, die These von der egoistischen Gesellschaft stimmt gar nicht, oder interpretiere ich Sie falsch?

Hasselfeldt: Ganz und gar nicht. Wir sind nach wie vor kein Volk von Egoisten. Es gibt ein hohes Maß an Mitmenschlichkeit, was sich zuletzt bei der Flüchtlingskrise gezeigt hat. Deshalb bin ich ganz zuversichtlich, dass unsere Gesellschaft auch in Zukunft schwierige Situationen meistern wird.

Frage: Zu Ihrem Tätigkeitsfeld gehört auch die Blutspende. In einer Stern-Reportage hieß es vor einigen Monaten, das DRK sei gar keine mildtätige Hilfsorganisation, sondern in Wirklichkeit ein intransparentes Multimilliarden-Imperium. Was sagen Sie dazu?

Hasselfeldt: Der Bericht enthielt einige Unwahrheiten, gegen die wir auch erfolgreich gerichtlich vorgegangen sind. Grundsätzlich: Die Blutspendedienste des DRK sind in gemeinnützigen GmbHs organisiert, die mit hochqualifiziertem Personal und aufwändiger Technik arbeiten. Das Blut wird an Krankenhäuser zum Selbstkostenpreis abgegeben, das Plasma zum Beispiel an Pharmafirmen zur Produktion von Arzneimitteln verkauft. Da ist nichts geheim, sondern es wird alles ganz transparent dargestellt, etwa in den Jahresabschlüssen. 

Frage: Werden mit dem Blut Gewinne erwirtschaftet?

Hasselfeldt: Das ist nicht Sinn und Zweck der Blutspendedienste. Zunächst einmal sind die Kosten nicht zu unterschätzen. Die Werbung und Organisation von Blutspendeterminen, die Verarbeitung der Spenden und die Sicherheit der Blutpräparate – das alles muss finanziert werden, damit die Blutversorgung in Deutschland bundesweit rund um die Uhr an sieben Tagen pro Woche gewährleistet ist. Zudem reinvestieren die Blutspendedienste die Mittel in moderne Anlagen und in die Forschung. Außerdem wird mit den Einnahmen auch die ehrenamtliche Tätigkeit gefördert. Das unterscheidet uns zum Beispiel von privaten Anbietern. Sie können im Übrigen davon ausgehen, dass die Finanzämter die Vorgaben für den Status der Gemeinnützigkeit sehr genau und streng überwachen. 

Frage: Das Rote Kreuz beschäftigt sich neuerdings auch mit den Folgen von Cyberangriffen. Was haben Sie damit zu tun?

Hasselfeldt: Wir sind über das Rotkreuz-Gesetz in den staatlichen Zivil- und Katastrophenschutz eingebunden. Doch wir machen uns Sorgen. Die Flüchtlingskrise hat gezeigt, dass wir völlig unzureichend darauf vorbereitet sind, eine große Zahl hilfsbedürftiger Menschen unterzubringen und zu versorgen. Nur ein Beispiel: Als die vielen Flüchtlinge kamen, gab es eine Zeitlang auf dem europäischen Markt kein einziges Feldbett mehr. Wir mussten sie in den USA und Kanada besorgen. 

Frage: Das war aber auch eine besondere Situation.

Hasselfeldt: Aber sie kann sich mit einer anderen Ursache wiederholen: Die Zahl der Naturkatastrophen weltweit steigt, auch hier in Deutschland. Epidemien wie beispielsweise Ebola breiten sich in einer kleiner werdenden Welt schneller aus und unsere Infrastruktur ist durch die Vernetzung immer verletzlicher. Wenn die Strom- oder Wasserversorgung durch Cyberattacken lahm gelegt wird, kann das schon nach wenigen Tagen verheerende Folgen für die Bevölkerung oder die Gesundheitsversorgung haben.

Frage: Gibt es keine staatliche Vorsorge mehr?

Hasselfeldt: Nach dem Ende des Kalten Krieges wurden in den 1990er Jahren in großem Ausmaß Kapazitäten für den Zivilschutz abgebaut und Notreserven abgeschafft. Man glaubte, so etwas werde nicht mehr gebraucht. Das Deutsche Rote Kreuz, der Arbeiter-Samariter-Bund, die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft, die Johanniter Unfallhilfe und der Malteser Hilfsdienst sind in einer gemeinsamen Initiative davon überzeugt, dass dieser Fehler korrigiert werden muss.

Frage: Was schlagen Sie vor?

Hasselfeldt: In unserem gemeinsamen Konzept planen wir mit zehn Materiallagern, die über ganz Deutschland verteilt sind. Dort sollen Betten, Zelte und medizinische Produkte für jeweils 5000 Menschen vorgehalten werden. Insgesamt hätten wir dann Kapazitäten für 50.000 Menschen. Die Hilfsorganisationen wollen diese Lager betreuen und dafür sorgen, dass das Material ständig in einem einwandfreien Zustand ist.

Frage: Was kostet so etwas?

Hasselfeldt: Wir rechnen mit anfänglichen Kosten von 109 Millionen Euro für den Bund. Wir hoffen, dass unsere Vorstellungen bei den anstehenden Haushaltsberatungen der neuen Bundesregierung berücksichtigt werden. 

Frage: Ihnen dürften alle Türen offen stehen: Der dafür zuständige Innenminister heißt Horst Seehofer und ist ihr Parteivorsitzender.

Hasselfeldt: Ich bin zuversichtlich, dass wir ein offenes Ohr bei ihm finden werden.

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